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Beziehungsanarchie in neun Punkten

Beziehungsanarchie in neun Punkten

Beziehungsanarchie. Eine (kurze) Erklärung in neun Punkten.
Eine Übersetzung von Andie Nordgren – The short instructional manifesto for relationship anarchy.

1. Liebe gibt es im Überfluss und jede Beziehung ist einzigartig.

Beziehungsanarchie stellt die Idee, dass die Liebe eine knappe Ressource ist, die nur dann echt sein kann, wenn sie auf ein Paar beschränkt ist, infrage. Du kannst mehr als eine Person lieben und du kannst mehr als eine Beziehung haben und die Liebe, die du für eine Person empfindest, verringert nicht die Liebe, die du für eine andere Person übrig hast. Bewerte und vergleiche nicht Menschen und Beziehungen, sondern bemühe dich um die jeweilige Person und deine Beziehung zu ihr. Eine Person in deinem Leben braucht nicht (Haupt-)Partner genannt zu werden, damit die Beziehung echt ist. Jede Beziehung ist unabhängig und eine Beziehung zwischen selbstverantwortlichen Einzelpersonen.

2. Liebe und Respekt statt Anspruchsdenken.

Indem du entscheidest, deine Beziehungen nicht auf gegenseitige Ansprüche zu gründen, entscheidest du dich dafür, die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit des anderen zu respektieren. Deine Gefühle für eine andere Person oder eure gemeinsame Vergangenheit geben dir nicht das Recht, diese Person herumzukommandieren und zu kontrollieren, damit sie das tut, was von der Gesellschaft als normal in einer Beziehung angesehen wird. Finde heraus, inwieweit du dich auf andere einlassen kannst, ohne deine Grenzen und persönlichen Überzeugungen zu überschreiten. Anstatt in jeder Situation nach Kompromissen zu suchen, lass deine Liebsten Wege gehen, die ihre Integrität wahren, ohne dass dies zu einer Beziehungskrise führt. Das Fehlen von Ansprüchen und Forderungen ist die einzige Möglichkeit, wie du dir sicher sein kannst, dass du in einer Beziehung bist, die wirklich auf Gegenseitigkeit beruht. Liebe ist nicht „echter“, wenn Menschen füreinander Kompromisse eingehen, nur weil dies ein Teil dessen ist, was erwartet wird.

3. Finde deine grundlegenden Beziehungsideale.

Wie willst du von anderen behandelt werden? Was sind deine grundlegenden Grenzen und Erwartungen in und an alle Beziehungen? Mit welcher Art Mensch möchtest du dein Leben verbringen und wie möchtest du, dass deine Beziehungen funktionieren? Finde deine grundlegenden Beziehungsideale und verwende sie in all deinen Beziehungen. Mach keine Ausnahmen und Sonderregeln, um anderen Menschen zu zeigen, dass du sie „wirklich“ liebst.

4. Lass dich nicht von den Erwartungen der Gesellschaft einschüchtern.

Denke daran, dass ein sehr mächtiges normatives System am Werk ist, dass vorschreibt, was wahre Liebe ist und wie Menschen leben sollen. Viele werden dich und die Echtheit deiner Beziehungen infrage stellen, wenn du die vorgegebenen Normen nicht befolgst. Arbeite mit den Menschen die du liebst daran, Wege und Möglichkeiten zu finden, wie ihr den für euch problematischen Normen begegnen könnt. Finde Gegenentwürfe und lass dich und deine Beziehungen nicht von Angst leiten.

5. Sei bereit für die Schönheit des Unerwarteten.

Die Freiheit, spontan zu sein – sich ausdrücken zu können ohne Angst vor den Folgen oder aus einem Pflichtgefühl heraus – ist es, was Beziehungsanarchie ausmacht. Baue deine Beziehungen auf den Wunsch, einander zu begegnen und zu erkunden – und nicht auf Pflichten und Forderungen und Enttäuschungen, wenn diese nicht erfüllt werden.

6. Fake it til‘ you make it.

Manchmal kann es sich so anfühlen, als müsstest du übermenschliche Fähigkeiten besitzen, um dich nicht normkonform zu verhalten und dich gegen vorgegebene Strukturen aufzulehnen, weil du dich für Beziehungsnanrchie entschieden hast. Ein guter Trick ist die „fake-it-until-you-make-it“-Strategie: Wenn du dich stark und inspiriert fühlst, denke darüber nach, wie du dich selbst gerne handeln sehen würdest. Wandle dies in einfache Regeln um und halte dich daran, wenn es mal holprig wird. Sprich mit anderen, die ebenfalls dieses normative System herausfordern und suche deren Unterstützung und mach dir niemals Vorwürfe, wenn der Normdruck dich doch zu einem Verhalten verleitet, welches du eigentlich ablehnst.

7. Vertrauen ist besser.

Indem du dich dafür entscheidest anzunehmen, dass dein Partner dir nichts Böses will, entscheidest du dich für einen aussichtsreicheren Weg, als ein misstrauischer Ansatz dir bieten kann, bei dem du ständig von der anderen Person bestätigt werden musst, damit du das Gefühl hast, dass ihr eine Beziehung führt. Manchmal haben Menschen so viele eigene Probleme, dass sie nicht mehr genug Kraft haben, sich zusätzlich auch um andere zu kümmern. Gestalte deine Beziehungen so, dass ein Sichzurückziehen einerseits unterstützt wird und andererseits auch schnell vergeben ist und gib anderen viele Möglichkeiten zu reden, sich zu erklären, dich zu sehen und Verantwortung in der Beziehung zu übernehmen. Denk an deine grundlegenden Beziehungsideale und vergiss auch nicht, dich um dich selbst zu kümmern.

8. Verändere dich und deine Beziehungen durch Kommunikation.

Für die meisten menschlichen Aktivitäten gibt es Normen, die festlegen, wie die Dinge zu funktionieren haben. Wenn du von diesen Mustern abweichen willst, musst du darüber reden – andernfalls neigen die Dinge dazu, einfach den vorgegebenen Mustern zu folgen, weil andere sich diesen entsprechend verhalten. Kommunikation und gemeinsames Handeln ist die einzige Möglichkeit, aus diesen Mustern auszubrechen. Grundlegend andersartige Beziehungen müssen Gespräche und Kommunikation als Herzstück haben – und nicht als letzte Möglichkeit um „Probleme“ zu lösen. Unterhalte dich mit anderen auf der Basis von Vertrauen. Wir sind so daran gewöhnt, dass Menschen niemals sagen, was sie wirklich denken und fühlen, dass wir zwischen den Zeilen lesen und interpretieren müssen, um herauszufinden, was sie wirklich meinen. Solche Interpretationen können aber nur auf vorausgehenden Erfahrungen aufbauen – und diese basieren in der Regel auf genau den Normen, denen du entkommen willst. Fragt euch gegenseitig Dinge und seid dabei unmissverständlich.

9. Passe deine Beziehungen deinen Wünschen und Vorstellungen an.

Das Leben hätte nicht sehr viel Bedeutung, wenn man sich nicht mit anderen Menschen zusammentun würde, um Dinge zu erreichen – zusammen ein Leben aufbauen, Kinder aufziehen, ein Haus besitzen oder zusammen durch dick und dünn gehen. Solche Bemühungen brauchen in der Regel sehr viel Vertrauen und Einsatz, damit sie funktionieren. Bei Beziehungsanarchie geht es nicht darum, sich niemals zu irgendetwas zu verpflichten – es geht darum, dass du deine eigenen Verbindlichkeiten zusammen mit den Menschen um dich herum entwirfst und diese von den Normen befreist, die vorschreiben, dass bestimmte Verbindlichkeiten eine Voraussetzung für wahre Liebe sind oder dass bestimmte Verbindlichkeiten, wie Kinder aufziehen oder Zusammenziehen, auf bestimmte Gefühlen folgen müssen. Starte bei Null und überlege dir genau, welche Arten von Verbindlichkeiten du mit anderen Menschen eingehen willst.

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2 thoughts on “Beziehungsanarchie in neun Punkten”

  • Ich sehe Andie Nordgrens Manifest eher als Credo an – eine Instruktion hätte einige einleitende Worte und eine Definition des Konzeptes gut vertragen, um den Rest schneller verständlich zu machen.
    Meine Definition wäre in etwa folgende:
    1) Das Konzept, zwischenmenschliche Beziehungen als sehr individuell anzusehen und daher als etwas, das die Beteiligten sich maßschneidern sollten, und 2) die daraus resultierende Praxis, die Parameter einer Beziehung gemeinsam festzulegen (ob implizit oder explizit) und gegebenenfalls zu ändern. Daher ist eine Abgrenzung zwischen Formen menschlicher Beziehungen nicht sinnvoll und wird nicht vorgenommen. Weiterer integraler Teil der Beziehungsanarchie ist es, zwischenmenschliche Beziehungen voneinander unabhängig zu sehen und zu führen – keine Beziehung kann Regeln für andere Beziehungen der beteiligten Personen festlegen.

    • Ja in der Tat, die neun Punkte stehen ziemlich schnörkellos da.
      Deine Definition ist quasi eine kurze Zusammenfassung der neun Punkte, wenn ich das richtig sehe…

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