Alles über alternative Beziehungsarten

Der Irrsinn der romantischen Liebe

Der Irrsinn der romantischen Liebe

Wenn ich mich in meinem Freundekreis so umhöre, bekomme ich alles mögliche zu hören, wenn es um Liebe geht. Die einen sind verliebt und nennen das dann Liebe, die anderen verfangen sich in ihren eigenen Widersprüchen und wollen ihr Ideal, die Idee von der romantischen Liebe, nicht aufgeben, und das obwohl sie darunter leiden – oder gerade deswegen?

Ein widersprüchliches Ideal

Die Idee der romantischen Liebe ist, dass man den einen anderen Menschen findet, der einen versteht, der einen liebt wie man ist, der zu einem steht und bei einem bleibt, der treu ist und aufmerksam und liebevoll und zärtlich und fürsorglich und sexy und schlau, der alles verkörpert, was man in sich selbst vergebens sucht und der nach den Standards lebt, bei denen man selbst es nicht schafft, ihnen zu entsprechen. Der andere soll dieselbe Musik hören, die gleichen Filme mögen, identische Ansichten haben – kurz: Man sucht sich selbst und nach einem Abbild seiner selbst. Das ist aber noch nicht alles. Man sucht nach jemandem, der auch anders ist, interessant, individuell, einzigartig – aber bitte nicht zu verschieden, denn Konfrontation ist der Tod dieser Idee.
Man sucht nicht um zu lieben, sondern um geliebt zu werden.
Man sucht selbstbezogen im Konsum des Anderen nach Ewigkeit in der Gegenwart.
Man sucht Perfektion in einem anderen menschlichen Lebewesen.
Perfektion setzt Statik voraus. Statik ist unveränderlich und damit leblos. Aber Menschen verändern sich, sie leben – und das ist das Schöne am Leben.

Ein fragwürdiges Ziel

Und wofür all die Mühen, die ewige Suche nach Perfektion, dem Einen Anderen, der anderen Hälfte? Wofür der Schmerz und die Enttäuschung, wenn man feststellt, dass der andere doch nicht der ist, den man suchte, nicht der, von dem man dachte, er sei es?
Die Verheißung: Endlich Ruhe.
Das Paradies der Isolation. Zu zweit. Zu dritt. Oder zu vielen. Abgeschieden und abgeschirmt von dieser Massengesellschaft und dem blinden Konsum, von den Folgen von Krieg und Globalisierung, von Gender Studies und Queerfeminismus, Lügenpresse und Meinungsblogs, Hipstern und Fair Trade Limonade, Politik und Aktionismus.
Heile Welt. Haus mit Garten. Mit eineinhalb Kindern in der Neubausiedlung.
Eine Entscheidung für Exit und gegen Voice – es gibt kein richtiges Leben im Bequemen.



2 thoughts on “Der Irrsinn der romantischen Liebe”

  • Ich weiß nicht – wie viele Menschen haben tatsächlich so ein extremes Bild von romantischer Liebe? Meiner Vermutung nach suchen die meisten Leute jemanden, der ihnen von allem etwas und von diversen Dingen (Annahme, Geborgenheit, Sex, dem Leben als Team gegenübertreten…) genug bietet (muss genug sein wegen automatischer Exklusivität). Mit einem Gegenüber, das man selbst als perfekt ansieht, hätten die meisten Leute mörderisch Probleme, weil es sie jeden Tag daran erinnern würde, wie weit entfernt sie vom Verwirklichen aller ihrer Ideal sind. Der Irrsinn, den Du beschreibst, ist meines Erachtens vor allem der Irrsinn von Novalis oder Eichendorff, von Arztromanen, kitschigen Popsongs (oder Volksmusikliedern), Hollywood- und Bollywood-Schnulzen.
    Ich habe den größeren Teil meines Beziehungslebens monogam verbracht – und wollte immer einer Partnerin, die mir neue Wege aufzeigen kann, und ich ihr genauso. Der ich geben kann, ohne dass das zu Anspruchsdenken führt, und die mir gibt, weil sie es so will. Die sich weiterentwickelt, während auch ich mich weiterentwickle, sodass wir uns immer wieder neu entdecken können. Und das hatte ich – in einer monoamoren Beziehung, aus der jetzt ein V geworden ist. Wegen dieser Erfahrung hat in meinen Augen eine gute Mono-Beziehung mehr mit einer guten Poly-Beziehung gemein als mit einer schlechten Mono-Beziehung.

    Man könnte vielleicht eher sagen „Es gibt kein gutes Leben im ahnungslosen.“ Nicht zu wissen, was möglich wäre, dadurch vielleicht nicht finden zu können, was man will oder braucht, deswegen dem Standard-Lebensweg zu folgen und am Schluss mit Ehepartner und anderthalb Kindern im Reihenhäuschen zu sitzen, jedes Jahr zwei Urlaube zu machen und sich dabei verzweifelt zu fragen, wieso man nicht glücklich ist, wieso die anderen es auch nicht sind, und wieso man sich oft gegenseitig das Leben schwermacht. Das ist in meinen Augen die viel häufigere Tragödie (und die beeinträchtigt unsere Gesellschaft auch schlimm genug).

    • Klar, der Irrsinn, den ich beschreibe, ist ein verzerrtes Klischee. Das war auch so gedacht ;)
      Der Punkt ist eben, dass man seine Vorstellungen davon, was Liebe (im Kontext von Paar-Beziehungen) ist zuerst aus Filmen, Büchern usw. schöpft, bevor man dann seine eigenen Erfahrungen macht.
      Ich selbst hatte eine Zeit lang auch ein paar der genannten Vorstellungen und ich kenne schon ein paar Leute die diesem Ideal der romantischen Liebe als unerreichbar nachtrauern und das Scheitern bei sich oder der Welt in der wir leben suchen. Und das finde ich sehr schade.

      Und das mit dem Leben im Ahnungslosen ist ein guter Punkt! Ich werde meine Formulierung im Post möglicherweise in die Richtung anpassen…
      Wobei ich auch denke, dass man eben aufgeschlossen sein muss für Alternativen und das geht möglicherweise schwer, wenn man das Ideal der romantischen Liebe schon sehr verinnerlicht hat. Denn dann gibt es keine Alternative in dem Sinne, nur ein Scheitern und einen Ausweg.

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