Alles über alternative Beziehungsarten

Ich will einfach nur Spaß haben – Egoismus und Beziehungsanarchie

Ich will einfach nur Spaß haben – Egoismus und Beziehungsanarchie

Manche möchten in ihrem Leben nur eine Sache: Spaß. Soviel Spaß wie möglich. Alles andere – und damit auch alle anderen – sind nicht so wichtig.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Menschen, die das so ausdrücklich und mitunter auch mit Stolz von sich geben, wissen, was genau sie da sagen. Ob sie wissen, was das über sie und ihre Ansichten über Menschen und Beziehungen aussagt. Vielleicht meinen sie, dass sie damit ihre Unabhängigkeit, ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl zum Ausdruck bringen.
Vielleicht sind sie der Meinung, dies sei genau die Portion Egoismus, von der man allenthalben hört, sie sei gesund. Aber vielleicht wissen sie auch ganz genau, dass dies impliziert, dass sie nicht bereit sind, Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu nehmen. Und wenn es funktioniert, wie kann es dann falsch sein?

Max Stirner und der Verein der Egoisten

Aber was ist denn nun „gesunder“ Egoismus – gibt es den überhaupt? Der Egoismus bei Max Stirner könnte so eine Art Egoismus sein, er ist auf jeden Fall eine andere Art von Egoismus als das, was einem bei dem Wort „Egoismus“ sonst so durch den Kopf schießt. Stirner geht es um Beziehungen und wie diese aussehen können. Er unterscheidet drei Arten, auf welche sich Menschen begegnen können:
Bei der ersten Art verhalten sich die Beteiligten entsprechend ihrer Rollen (zum Beispiel Vater und Sohn) und zwar so, wie es von Menschen in diesen Rollen erwartet wird. Es geht ihnen also hauptsächlich darum, dass sie sich so verhalten sollen – und nicht darum, dass sie sich so verhalten wollen.
Die zweite Art der Beziehung ist ein Herrschaftsverhältnis, in der der Eine einen Willen hat und der Andere sich diesem unterordnet.
Einen Verein von Egoisten stellt die dritte Art der Beziehung dar. Diese Beziehung ist ein Prozess. Sie wird vom egoistischen Willen aller Beteiligten getragen und immer wieder von der Entscheidung zu diesem Willen erneuert. Wenn ein Beteiligter etwas anderes will und dies nicht äußert, entartet der Verein so zu etwas anderem.
Damit ist der Egoismus bei Stirner kein Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck – und der Zweck besteht darin, von einem beiderseitigen Willen getragene Beziehungen zu führen.

Egoismus und Beziehungsanarchie

Auch bei der Beziehungsanarchie geht es darum, in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht einfach das zu machen, was man machen soll und was erwartet wird. Man entscheidet sich vielmehr bewusst für bestimmte Verhaltensweisen und Verbindlichkeiten. Beziehungen dieser Art haben also Ähnlichkeit mit dem Verein von Egoisten im Sinne Stirners. Bei beiden geht es darum, Beziehungen am Willen der Beteiligten auszurichten. Der Unterschied liegt meiner Ansicht nach darin, dass es beim Verein der Egoisten zuerst um bestimmte Ziele oder Aktivitäten geht, ich mir also überlege, dass ich beispielsweise Brettspiele spielen und die Welt verändern möchte – und dann suche ich mir dazu die passenden Leute, also Menschen, die eins oder mehrere meiner Ziele teilen. Bei der Beziehungsanarchie geht es, so wie ich das Konzept verstehe, auch und unter Umständen primär, um die Personen. Das heißt, ich suche mir die Personen mit denen ich Beziehungen führen möchte aus und dann erst geht es darum, was die Beteiligten wollen und was nicht und ob es da Übereinstimmungen gibt.

Was heißt es für mich, wenn mir jemand sagt, er möchte einfach nur Spaß haben?

Ersteinmal finde ich es gut, wenn man ehrlich ist. Gleichzeitig finde ich die Formulierung nicht sehr konkret. Wie soll dieser Spaß aussehen?
Man kann sich hinter diesem Satz gut verstecken. Wenn einem etwas nicht gefällt, muss man nur sagen, dass einem das keinen Spaß macht und man hat doch von Anfang an und ausdrücklich erklärt, dass man nur Spaß haben möchte. Man drückt sich also vor der schwierigen Aufgabe zu sagen, was man wirklich will und was genau einem Spaß macht. Aber genau diese Überlegung, was man will in und von Beziehungen, und das Sprechen darüber ist essenziell für Beziehungsanarchie.
Abgesehen davon bin ich auch nur ein Mensch. Das heißt, ich habe gute und weniger gute Eigenschaften, gute und schlechte Tage und mal mehr, mal weniger gute Laune. So weit, so normal. Ich habe auch Probleme, mit mir selbst, mit anderen Menschen, mit der Gesellschaft. Ich kann nicht immer nur geben, nur gut gelaunt sein – ich bin auch schwierig, störrisch und habe Bedürfnisse. Wer nicht?
Wenn also jemand nur Spaß will, will er nicht mich. Er will mich zumindest nicht als Ganzes, als Person. Er möchte nur den spaßigen und unkomplizierten Teil – ohne den ganzen „Ballast“. Dieser Teil bin aber nicht ich. Ich bin beide Teile. Wenn ich also weiß, der Andere will nur Spaß, wie kann ich dann jemals ich selbst sein – mit meinen guten und schlechten Seiten – ohne zu riskieren, ihn zu verlieren?
Ich habe also die Wahl: Du oder ich?

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