Alles über alternative Beziehungsarten

Politische Mononormativität

Politische Mononormativität

Beziehungsanarchie bricht mit der Mononormativität: der Vorstellung, dass die exklusive Paarbeziehung die einzig richtige ist. Das finden nicht nur monogame Paare, sondern auch viele Polyamore leben de facto in einer Beziehung, die unter den anderen besondere Rechte und Pflichten genießt. Manche schätzen das, andere streben nach gleichen Rechten für alle Partner. Nicht immer liegt das in ihrer eigenen Gestaltungsfreiheit, denn der Staat, Institutionen von gesellschaftlichem Rang und viele kleine Unternehmen subventionieren offen und versteckt die Monogamie.

Staatlich verordnete Monogamie

Die offensichtlichste Bevorzugung von Paaren ist die monogame Ehe mit ihren Steuervorteilen, mit gemeinsamem Sorgerecht für Kinder, mit Regelungen zum gemeinsamen Vermögen, zu Unterhalt und Erbschaft. Wie sehr der Staat die rechtliche Bindung von exakt zwei Menschen aneinander bezuschusst, wird klar, wenn man eine Ehe auflösen lassen will. Plötzlich braucht es Anwälte und notariell beurkundete Vereinbarungen. Plötzlich kostet es Tausende Euro. Im Gegensatz dazu ist das Eingehen einer Ehe nicht schwieriger als einen Pass zu beantragen.

Jeder, der nicht heiratet, aber sich rechtlich absichern will, trägt den Verwaltungsaufwand und Anwalts- und Notarkosten selbst: Der Vater eines Kindes kann eingetragen werden. Verträge über gemeinsamen Besitz können abgeschlossen werden. Und erste Personengruppen lassen sich eheähnliche Verträge von Anwälten erarbeiten.

Bezeichnend für die Verankerung der Mononormativität auch in progressiven Kreisen ist, dass man heute die Angleichung der „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ an die Ehe anstrebt. Hier kämpft die Linke für Mononormativität und (und im Kern immer noch) Heteronormativität für alle. Und trotz einer eindeutigen Tendenz bei höchstrichterlichen Entscheidungen (in Deutschland), gibt es immer noch kein Adoptionsrecht, und kein Besuchsrecht im Krankenhaus.

Das Besuchsrecht hätte ich letztens nur zu gerne herausgefordert, indem ich eine Freundin, die operiert worden war, (ohne zu lügen) als „meine Partnerin“ ausgegeben hätte. Einen Tag nachdem ihr anderer Partner dasselbe getan hätte. Leider wurden wir nicht gefragt.

Ehe für alle?

In den Vereinigten Staaten wurde sehr konservativ für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare argumentiert. Jeder Anschein, dies sei nur ein erster Schritt hin zu einer weiteren Ausdehnung, wurde sorgfältig vermieden. Insbesondere grenzten sich die Befürworter von den Polygamisten ab. Und auch unter den Polyamoristen gibt es die, die mehrfach heiraten würden – sei es wegen der genannten Vorteile, oder aus romantischer Verklärung dieses Vertrages. Die Ausgrenzung der nicht zur Ehe Berechtigten wird aber nicht dadurch gelöst, dass man immer weitere Personengruppen in den Genuss der Mononormativität kommen lässt. Denn auch wenn es die Ehe irgendwann auch für bis zu vier Personen gibt, und es eben nicht mehr Mononormativität, sondern meinetwegen „Oligonormativität“ ist, so ist es doch weiterhin die staatliche Bevorzugung bestimmter Lebensmodelle.

Was ist denn die Alternative?

Wirklich progressiv wäre es, Rechte und Pflichten auf alle jeweils geeigneten Personen auszudehnen. Das gemeinsame Erziehen von Kindern kann über das Kindergeld und über Elternzeitmonate für weitere Erziehende gefördert werden. Warum nicht „Väter“-Monate für weitere Personen? Denn was hilft des den Eltern von Drillingen, dass sie jetzt drei Elternzeiten nehmen können, wo doch höchstens zwei von ihnen elternzeitberechtigt sind? Und bei der Adoption müssen sowieso die zukünftigen Lebensverhältnisse des Kindes geprüft werden – warum soll eine Alleinerziehende besser sein als ein schwules Paar? Warum soll es schlechter sein, drei Menschen für das Wohl des Kindes zu verpflichten als zwei? Und was, bitteschön, hat das damit zu tun, ob die Eltern miteinander schlafen, und warum interessiert sich der Staat dafür?

Die Niederlande prüft zur Zeit die rechtliche Anerkennung von Mehrelternfamilien, mit bis zu vier Sorgeberechtigten. Ob diese vier verheiratet sind, spielt keine Rolle. Allzu lang haben Staaten die Ehe gefördert, in der Absicht, die Kindererziehung abzusichern. Nicht-verheiratete Paare mit Kindern zeigen die Missplatzierung dieser Förderung ebenso wie verheiratete kinderlose. Und der Staat korrigiert hier, und löst das „ganz oder gar nicht“ nach und nach auf: Die Rechte und Pflichten Unverheirateter wurden erweitert, und bei einer Scheidung verbleibt das Sorgerecht erstmal bei beiden Erziehungsberechtigten.

Wirtschaftliche Mononormativität

Es sind aber nicht nur die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland, die uns in ökonomische Zweierzellen partitionieren wollen. Wer Wohneigentum erwerben will und der Bank bei drei Personen drei Monatsgehälter vorweisen kann, kriegt schlechtere Konditionen als zwei Personen: Zwei Gehälter werden angerechnet. Dann ist die dritte Person entweder ein Mieter, also hat man gewerbliche Interessen. Oder sie muss als weiterer Verbraucher vom „Gesamt“-Einkommen abgezogen werden. Auch hier sind die Niederländer uns voraus: Bunq bietet gemeinsame Konten für beliebig viele Kontoinhaber, und zeigt dazu drei Frauen in einem Bett.

Auch Kleinunternehmer lieben die Familie als Zielgruppe. Ein bekannter, immer wiederkehrender Witz in Polyamoriekreisen sind Restaurant-Schilder mit dem Text „Bring deine Freundin mit – 10% Rabatt. Bring deine Ehefrau mit – 15% Rabatt. Bring beide mit – iss kostenlos bei uns!“

Familientarif: Deine Beziehungsform bestimmt den Preis

Vielerorts gibt es einen Familientarif. Auch ich zahle gerne ein paar Euro weniger, wenn ich zusammen mit meinen Kindern und einer Freundin in den Zoo oder in den Kletterwald gehe. Aber leider kann ich nur einer oder einem meiner erwachsenen Begleiter zu dem Rabatt verhelfen. Auch wenn offenkundig sein sollte, dass es nicht die Mutter der Kinder ist, so kann sie doch durchaus meine „Neue“ sein. Mein Verhalten in der Öffentlichkeit zu jemandem hängt nicht daran, ob wir „nur“ knuddeln, oder auch kuscheln, oder auch miteinander schlafen – oder wie auch immer der Erfinder dieser Eintrittspreise Beziehungen definiert.

Besonders benachteiligt sind dabei wieder die Partnerlosen. Sie zahlen überall drauf. Natürlich können sie sich zu Scheinpartnerschaften zusammentun. (So wie auch früher ja Homosexuelle heiraten konnten: Lesben und Schwule, jeweils untereinander.) Solcher Missbrauch stellt auf geradezu entlarvende Weise die Frage: Was soll hier eigentlich gefördert werden? Warum fördert man sexuelle Exklusivität, wenn man in Wirklichkeit will, dass weitere Angehörige kommen und zahlen, statt den Eintritt zu sparen?

„Put your money where your mouth ist“

Gegen des Missbrauch solcher Rabatte hilft nur eines: Fördern, was man fördern will. Warum nicht gleich Gruppentarife, die keine Annahmen über die sexuellen, familiären und finanziellen Verpflichtungen der Rabattnehmer untereinander machen? Zwischen „Kind“ und „Kegel“ (leibliche und nicht leibliche Kinder) wird ja auch nicht unterschieden.

Die Bahn ist hier neutraler, und wirtschaftlich konsequent: Sie kennt Gruppen bis fünf Personen. Das ist ein Auto voll, somit die Konkurrenz zur Bahn.

Hier ist Beziehungsanarchie politisch, hier ist sie ökonomisch. Niemand soll vom Staat oder von anderen finanziellen Anreizen gezwungen werden, eine Beziehung einzugehen, und sei es nur zum Schein.



1 thought on “Politische Mononormativität”

  • Gute Ausführung, eine Anmerkung dazu:

    „Was soll hier eigentlich gefördert werden? Warum fördert man sexuelle Exklusivität, wenn man in Wirklichkeit will, dass weitere Angehörige kommen und zahlen, statt den Eintritt zu sparen?“
    beantworte ich etwas provokant mit
    „Never attribute to malice what can be adequately explained by stupidty.“
    Die Förderung der sexuellen oder partnerschaftlichen Exklusivität ist in vielen Fällen ein Produkt der Gewohnheit und geschieht gar nicht so bewusst. Klar, die staatliche Diskriminierung von allen Beziehungsformen ohne Trauschein ist eine alte politische Entscheidung, die nur langsam erodiert. Aber im Krankenhaus oder am Kassenhäuschen des Zoos würden die Antworten in zeitlicher Reihenfolge eher so lauten: „Wieso zusätzliche Regelungen, außer einem Partner gibt’s doch nix!“, dann „Alles andere ist unnatürlich/ungesund/unmoralisch, das fördern wir doch nicht!“, dann „Ihr seid echt in Ordnung, aber leider gibt’s keinen eigenen Tarif für euch.“ und am Schluss „Ah, für solche Gruppen gilt folgender Tarif: …“
    Leider sind wir als Gesellschaft erst am Übergang von Phase 1 zu Phase 2, wobei manch, wenige Individuen auch schon in Phase 3 sitzen. Und was nicht denkbar ist, ist eben auch nicht machbar.
    Bis auf weiteres bleibt es also bei den alten drei Totschlag“argumenten“:
    1. Das war schon immer so!
    2. Das war noch nie so!
    3. Da könnte ja jeder kommen!

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