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DER SPIEGEL und die Polyamorie

DER SPIEGEL und die Polyamorie

DER SPIEGEL und die Polyamorie.
Antwort auf: Polyamorie – die Zukunft des Sex vom 05.03.2017.

„Freie Liebe mit beliebig vielen Sexpartnern, die alten Beziehungsmuster haben ausgedient ‐ in Berlin ist es jetzt hip, sich polyamor zu nennen. Aus dem Männertraum ist ein feministisches Projekt geworden. Was steckt dahinter?“ fragt der innovative Qualitätsjournalismus und macht sich an den Versuch einer Antwort.

Das erste Problem an dieser „flippigen“ Einleitung von Tobias Becker und Claudia Voigt ist ihre Voraussetzung. Nämlich die Annahme der Autoren, bei Polyamorie handle es sich um freie Liebe – also Sex. An Sex ist ja nun nichts schlechtes oder negatives, aber die Reduktion darauf ist eben immer auch mit einer Distanzierung der eigenen Moral von dem vermeintlich zügellosen Unmorialischen verbunden. Indem man Polyamorie auf die sexuelle Ebene reduziert und ihr die romantische und freundschaftliche Ebene abspricht, hebt man sie klar von der (eigenen) romantischen Zweierbeziehung ab. So funktioniert Abgrenzung. Wir, die Selbstgerechten, gegen die verlotterte Gesellschaft. Inwiefern das als kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Position gelten kann, sei dahingestellt.

Vorbemerkung

Der Artikel lässt sich grundsätzlich in vier Teile gliedern:

  1. In einem kurzen Überblick wird die Aktualität des Themas (Stichwort: Trend) dargelegt.
  2. Anschließend geht es um das Modell der freien Liebe,
  3. schließlich darum, was der Feminismus mit der ganzen Sache zu tun hat und
  4. wird im letzten Teil die Frage geklärt, was denn nun „natürlich“ ist.

Im Folgenden orientiere ich mich an der vorgegebenen Gliederung, will aber ein paar Worte zum Artikel an sich vorwegnehmen:
Der Artikel stellt so etwas wie einen bunten Strauss der Ideen zum Thema freie Liebe im weitesten Sinne dar. Leider brillieren die Autoren mit ihrer Unfähigkeit, aus den vielen einzelnen Ideen- und Zitatschnipseln ein konsistentes Bild zusammenzufügen. Das führt zu in der Luft hängenden Absätzen wie diesem:
„Mal mehr, mal weniger bewusst gründen Polyamoristen ihr Lebensmodell auf der Annahme, weibliches und männliches Begehren seien identisch ‐ die Polyamoristen als Teil einer großen Befreiungsbewegung.“ Nirgends, in dem doch immerhin knapp sechs Seiten umfassenden Artikel, wird darauf nocheinmal Bezug genommen. Von daher – okay, das musste endlich mal gesagt werden – was raus muss, muss raus! Diese Art sinnfreier Sätze, eingeklemmt zwischen einer Vielzahl an Zitaten, macht es nicht leicht, einen roten Faden zu erkennen und dementsprechend schwierig, sich mit dem eigentlichen Inhalt auseinanderzusetzen.
Außerdem wird in dem Artikel konsequent eine Unterscheidung zwischen Liebe, Beziehung und Sex, sowie zwischen offener Beziehung, freier Liebe und Polyamorie vermieden. Alles hängt irgendwie zusammen. Diese Unschärfe scheint gewollt und trägt nicht unbedingt zum Verständnis bei.
Doch der Reihe nach:

1. Polyamorie und (serielle) Monogamie

„Heute steht die Monogamie von allen Seiten unter Beschuss.“ Das klingt bedrohlich. Das klingt, als wäre das ein Novum. Beides ist nicht unbedingt richtig, nur weil es ein mulmiges Gefühl in einem auslöst. Als Beleg werden Schauspieler, Filmemacher, Schriftsteller, Sachbuchautoren und Wissenschaftler genannt, die alle „das Glück längst abseits der klassischen Zweierbeziehung“ suchen – also Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.
Zum einen finde ich es schade, wenn man, bevor man über eine Alternative sprechen kann, erstmal ein Bedrohuingsszenario für den status quo inszenieren muss, zum anderen scheint wohl schon die Beschäftigung mit einer Alternative begründungsbedürftig: „Warum fasziniert das Modell freier Liebe die Menschen wieder, 50 Jahre nach der 68er‐Bewegung? Es mag daran liegen, dass die christliche Moral ihre Bindungskraft noch weiter eingebüßt hat, dass jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, dass fast jeder zweite Deutsche unter 40 in seiner derzeitigen Beziehung schon mal fremdgegangen ist. Ganz sicher aber liegt es daran, dass Monogamie nicht mehr funktionieren muss.“ Zum einen ist Polyamorie eben nicht dasselbe wie freie Liebe – beides sind zwar Stile, wie man nicht-monogame Beziehungen führen kann, wie beispielsweise auch swingen oder 100-mile-rule, da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf.
Was die Monogamie angeht: Monogam im eigentlichen Sinn, nämlich dass man sein ganzes Leben nur einen anderen Sexualpartner hat, sind heute die wenigsten Menschen. Vielmehr hat man heute im Allgemeinen aufeinanderfolgende Zweierbeziehungen – serielle Monogamie. Die Polyamorie lässt dagegen sogar eine Gleichzeitgkeit mehrerer Beziehungen zu – und stellt damit auch die Idee der romantischen Liebe in Frage.

Dabei möchte ich keinesfalls in Zweifel ziehen, dass es ein Privileg ist, zwischen mehreren Beziehungsformen entscheiden zu können. Ein Privileg, dessen Voraussetzungen zum einen materieller Natur (z.B. ökonomische Unabhängigkeit) und zum anderen immaterieller Natur (z.B. aufgeschlossenes soziales Umfeld, Selbstvertrauen und ein Grundvertrauen in Andere) sind.

Leider machen sich die Autoren nicht die Mühe, den Gegenstand ihrer Ausführungen – die Polyamorie – zu definieren (und dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Monogamie aufzuzeigen). Heraus kommen deshalb Sätze wie diese: „US‐Journalistin Witt reist für ihre Recherchen nach San Francisco und trifft Menschen […] die Sex mit vielen Menschen haben, sehr vielen. Sie greifen zu Drogen, um die Sorgen und Ängste zeitweilig aufzuheben, die mit ihrem Liebesmodell verbunden sind. Man könnte sagen, sie dopen ihren Körper, damit er ihrer Ideologie folgen kann. Sie trimmen sich auf Polyamorie.“ Mit möglichst vielen Menschen Sex haben, das kann man machen, dazu muss man aber nicht polyamor sein.
Auch der Vergleich mit dem Kapitalismus der zitierten Soziologin Eva Illouz scheint etwas pauschal: „Die sexuelle Freiheit erzeuge Ungleichheiten vergleichbar denen des Kapitalismus. Früher bemaß sich der soziale Status eines Mannes auch an seiner Familie, heute sind andere Statusmerkmale an diese Stelle getreten, Sex zum Beispiel. Eine Familie können Männer auch noch mit 50 gründen, Frauen dagegen haben nicht so viel Zeit. Trotzdem schieben sie die Familiengründung für Ausbildung und Berufserfahrung nach hinten, oft bleiben ihnen dann nur wenige Jahre. Das führt zu einer emotionalen Vorherrschaft der Männer, denn sie können sich Zeit lassen und finden im Internet zudem ein Überangebot an möglichen Sexpartnerinnen. Die heterosexuellen Frauen der Mittelschicht befinden sich daher in der merkwürdigen historischen Lage, so souverän über ihren Körper und ihre Gefühle verfügen zu können wie nie zuvor und dennoch auf neue und noch nie da gewesene Weise von Männern dominiert zu werden.“ Mir scheint, was da dominiert sind nicht die Männer, sondern die Biologie der Frau. Auch die von den Autoren selbst gestellte Frage, ob die Sharing Economy nun auch die Beziehungen erreicht habe, wird leider offen gelassen. Sharing Economy bezeichnet die Idee, selbst kaum oder teilweise genutzte Ressourchen mit anderen zu teilen – gegen ein Entgelt. Beispiele für Plattformen, die das ermöglichen sind Uber und Airbnb. Kritiker weisen auf eine darauf basierende Kommerzialisierung vieler Lebensbereiche hin und bezeichnen sie als „Plattformkapitalismus“. Ob Polyamorie in einer Reihe mit Uber genannt werden kann, wage ich zu bezweifeln, schließlich vermiete ich meine „ungenutzen“ Partner nicht auf Plattformen an fremde Leute.
Es herrscht bei den Autoren also große Verwirrung darüber, was Polyamorie denn nun ist, aber das macht es leichter, sie als Ideologie an die Wand zu stellen.

2. Polyamorie und freie Liebe

Die freie Liebe, ein Modell der 68er, scheint für die Autoren zumindest ein Leitbild für Polyamorie zu sein. Vielleicht beziehen sie sich deshalb vorweigend auf die Feministin Laurie Penny, die den Begriff der freien Liebe als „Opfer kultureller Leitbilder“ sieht: „Die Vorstellungen seien verzerrt von den Klischees der Nachhippiezeit […]. Das jedoch sei keine freie Liebe. Freie Liebe ist Liebe, die ohne Besitzansprüche, Zwang und Unterdrückung auskommt.“ Das klingt gut und auch irgendwie progressiv, ist aber als Abgrenzungskriterium zur Monogamie oder auch anderen Beziehungsformen kaum geeignet, denn ich kenne niemanden, der ernsthaft behauptet, in seiner Beziehung herrschten Besitzansprüche, Zwang und Unterdrückung.

3. Polyamorie und Feminismus

Laut Einleitung sollte dies der Kern des Artikels sein. Fehlanzeige. Offenbar sind die Autoren der Meinung, es reiche aus, eine Feministin zu zitieren (Penny) und dass „Viele Frauen […] die Auffassung von Penny“ teilen – und schon wird etwas zu einem feministischen Projekt. Das ist praktisch, denn dann muss man nicht darüber reden, was Feminismus denn nun ist und inwieweit eine bestimmte Beziehungsform überhaupt ein Projekt des Feminismus und mithin der Emanzipation sein kann.

Aber setzen wir und doch mit den zwei Stellen im Artikel auseinander, die auf den Feminismus Bezug nehmen.

1. „Wenn wir wollen, dass Frauen frei sind, dürfen wir uns nicht weiter über die romantische Liebe definieren“ so Penny und „Oft werde diskutiert, dass unsere Gesellschaft Frauen zu Sexobjekten mache, schreibt Penny, viel zu selten jedoch, dass sie Frauen zu Liebesobjekten degradiere. […] Liebesobjekt: eine Kreatur, eigens dafür geschaffen, eine Rolle in der großartigen Geschichte eines anderen zu spielen.“ Die Kritik an der romantischen Liebe ist zwar in Ansätzen richtig, greift aber zu kurz. Abgesehen davon ist bei der romantischen Liebe der Partner – und damit nicht zwingend und nicht ausschließlich die Frau – das Liebesobjekt. Inwiefern das dann ein feministischer Anspruch sein kann erschließt sich mir daher nicht.

2. „Klesse betont, dass Polyamorie für Frauen oft auch eine politische Entscheidung sei, die Behauptung erotischer Autonomie in einer Gesellschaft, in der erotische Beziehungen um männliche Privilegien herum organisiert sind.“ Die Behauptung der eigenen Autonomie ist immer eine gute Sache. Mir erschließt sich nur nicht, inwiefern die Behauptung erotischer Autonomie – als etwas zutiefst privates – eine politische Entscheidung sein kann. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die behaupteten männlichen Privilegien näher erläutert und begründet worden wären. Statt Tiefgang wieder nur seichtes Geplätscher.

4. Was ist „natürlich“?

Die alles entscheidende Frage! Zur Beantwortung dieser wird erst einmal auf Populärwissenschaft zurückgegriffen – Sex at Dawn von Ryan und Jetha: Die Menschen hätten früher in Gruppen zusammengelebt, in denen alles geteilt wurde, so auch Sex und Kinderaufzucht; die Monogamie sei erst mit der Sesshaftigkeit und der Notwendigkeit einer sicheren Vaterschaft zur Vererbung aufgekommen. Becker und Voigt kann immerhin zugute gehalten werden, dass sie auch einen Evolutionsbiologen zu Wort kommen lassen: „Sehr inspirierend sei das Buch, urteilt der Frankfurter Evolutionsbiologe Thomas Junker, fachlich aber finde er vieles arg spekulativ.“ und auf die Frage nach der Natur des Menschen sagt Junker: „Kommt drauf an“ und „Der Mensch sei nicht auf ein einziges Modell festgelegt“. Na das ist doch mal ein Wort. Die Entscheidung, wie wir unsere Beziehungen gestalten wollen, ist uns selbst überlassen. Wir müssen weder religiösen Ideen folgen, noch unsere Körper für die eigenen dopen – und es wird immer eine Alternative geben.
Oder?
„Unser reales Sexleben, sagt er [Junker], sei immer rückständig: Die evolutionär entstandene Hardware ‐ unser Körper, unser Begehren, unsere Reaktionen ‐ hinkt der Lebenswirklichkeit hinterher. Sie spiegelt das, was für unsere Urururgroßeltern gut war.“ Ich bin kein Fachmann, aber ich bezweifle, dass Evolution auf derart kurzen Zeitskalen stattfindet. Und selbst wenn dem so wäre, sind das, was für unsere Urururgroßeltern gut war und wie sie tatsächlich gelebt haben, zwei Paar Schuhe. Insgesamt weigere ich mich einfach, bei zentralen philosophischen Fragen einen biologischen Determinismus – und damit das Ende der Diskussion – anzunehmen. Natürlich kann man mir „Silicon-Valley-Optimismus“ und Selbstoptimierung vorwerfen, aber was genau soll Selbstoptimierung eigentlich sein? Für meinen Geschmack wird Selbstoptimierung als Beschimpfung viel zu oft und für jeden verwendet, der es wagt, am status quo zu rütteln. Das Hinterfragen und Verändern wollen von als gegeben angesehenen Zustände und Einstellungen ist es aber, was kritisches Denken ausmacht.

Anhang

Alles in allem fand ich den Artikel enttäuschend uninformativ und die Darstellung der Polyamorie größtenteils unsachlich, oberflächlich oder irreführend. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass jedwede Art von Presse gute Presse ist, auch wenn viele das anders sehen mögen (Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie).
Hier daher die vier zutreffenden – oder zumindest nicht ganz unzutreffenden – Aussagen zum Thema Polyamorie:

  1. „Ob drei, vier oder mehr Menschen zu einer polyamoren Gruppe gehören, sei nicht entscheidend, es haben auch nicht unbedingt alle Partner Sex miteinander.“
    Entscheidend ist die Einstellung: Man kann mehrere Menschen gleichzeitig lieben. Ob man mit keinem, einem oder mehreren dieser Menschen auch Sex hat, ist eine andere Frage. Es ist zumindest nicht verboten.
  2. „Als Gründungsmanifest der Bewegung gilt das Buch The Ethical Slut.“
    Die „Bewegung“ hat seit ein paar Jahren ein neues Buch: More Than Two von Veaux und Rickert.
  3. „Das Reden darüber, wie sich die Partner ihr Miteinander wünschen, was sie sich erlauben und was nicht, was ihnen Spaß macht und was sie ängstigt, ist grundlegend für polyamore Verbindungen. Das erfordert viel emotionale und kommunikative Kompetenz, sagt Klesse.“
    Das kann ich so unterschreiben – bis auf den Punkt mit dem Erlauben.
  4. „Polyamorie zelebriert die Beziehungsarbeit fast schon in einem paradoxen Ausmaß, sagt der Soziologe Klesse. Der Anspruch, alles anzusprechen und auszudiskutieren, seinen Ängsten und seiner Eifersucht offen ins Auge zu schauen, habe auch einen selbstdisziplinierenden Effekt.“
    Irgendwo habe ich den Satz gelesen, Polyamorie sei ein Problembeschleuniger. Das trifft es ganz gut, denn man wird zwangsläufig mit den eigenen Unsicherheiten konfrontiert. Daher muss man sich in offenen Beziehungen mit sich und seinen Unsicherheiten befassen und sich bewusst dafür entscheiden, dem Partner zu vertrauen anstatt ihn mittels Regeln zu kontrollieren.

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6 thoughts on “DER SPIEGEL und die Polyamorie”

  • Schön zusammengefasst.
    Mir geht immer diese fast schon obsessive Sex-Fokussierung in Artikeln zum Thema wie dem zitierten einigermaßen auf den Keks. Genauso, wie die immer gerne aufgestellte Behauptung, sich einem Menschen außerhalb einer ’normalen‘ Paarbeziehung aus einem Wunsch nach Zuneigung und Nähe heraus anzunähern, sei immer einem Mangel oder einer Dysfunktion der bestehenden Beziehung geschuldet. »Wenn die Beziehung in Ordnung ist, dann will man so etwas nicht…!«

    • Danke!^^
      Ja, das läuft dann darauf hinaus, dass man ja offensichtlich noch nicht „den Richtigen“ gefunden hat; dann würde man sicherlich eine geschlossene Beziehung führen…

      • Ja. Wer ‚der Richtige‘ dann auch immer sein mag. Ganz abgesehen davon, des es ‚den Aktuellen‘ ja doch sehr entwertet.

        Ich war immer mit ‚der Richtigen‘ zusammen. Und ich bin mit denen allen (von zwei Ausnahmen abgesehen) noch immer mehr oder weniger eng befreundet. Ich frage mich ja, ob das auch eine Variante von ‚Polyamorie‘ ist. Ich weiß bei allen noch wie vor sehr genau, warum ich mit ihnen zusammen war… Beziehungen ‚enden‘ in den seltensten, sie durchlaufen an der Stelle, wo ‚die Normalen‘ ^^sagen ‚Ich mache Schluss.‘ einen, wenn auch oft schmerzhaften, Transformationsprozess. Zumindest in meiner Wahrnehmung.

        • Interessanter Gedanke. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass das keine Form von Poly ist. Zum einen ist dieser Transformationsprozess nichts, das Poly an sich kennzeichnet. Auch monoamore und monogame Menschen kennen ihn. Ich denke der Transformationsprozess ist Ausdruck einer gewissen Sicht und Herangehensweise auf und an Beziehungen – und die ist nicht auf Polyamore beschränkt.

  • Ich finde Deine Kritik dieses Artikels sehr klar und zutreffend und möchte nur ein paar Überlegungen hinzufügen.

    Der Artikel ist in meinen Augen Sensation statt Inhalt, wie so viele Artikel in dieser Zeitschrift. Entweder er konzentriert sich auf den Sex, weil sich das verkauft (und ist somit verlogen) oder er ist extrem schlampig und voreingenommen recherchiert.
    Letzteres wäre nicht so verwunderlich: Polyamorie ist vielen Leuten wenn überhaupt nur als Klischee bekannt, vermutlich auch den Autoren. Man konzentriert sich bei der Recherche auf die Teile, die im Einklang mit der vorgefassten Meinung (aka was man zu wissen glaubt) stehen, glaubt am ehesten den entsprechende „Experten“ und schreibt die Bruchstücke, die man verstanden zu haben glaubt, gefällig zusammen. Wenn man es selbst nicht so ganz versteht, springt man mit Gedanken hin und her, damit der Leser glaubt, es liege an seinem mangelnden Verständnis und nicht am mangelnden Inhalt.

    Zwei kurze Schlaglichter solcher Vorurteile:
    – In einem Forum ging die Diskussion zu dem Thema schnell in die Richtung „Ist doch okay, mit mehreren Leuten parallel sexuelle Beziehungen zu haben, da muss man doch keine Liebe vortschieben und es mit dem schicken Etikett ‚Polyamorie‘ belegen.“ Erläuterungen von Polys, wie sie Polyamorie sehen und leben, wurden wiederholt mit verschiedenen Varianten dieses „Arguments“ abgebügelt. Höhepunkt war dann die Aussage einer Frau, sie halte offen geführte parallele Beziehungen für eine abartige Idee, „dann doch lieber eine gepflegte Affäre“ (wörtliches Zitat!).
    – Spontane Aussage eines Psychologen bei einer Unterhaltung, als ich davon erzählte: „Ich denke, das zeigt, dass Sie sich nicht richtig auf die Beziehung einlassen wollen“ – wobei er bereits wusste, dass die Beziehung seit 13,5 Jahren besteht und u.a. eine langwierige Krankheit überlebt hat. Er war sehr verstimmt, als ich mit Amüsement auf seine Aussage reagierte und ihn auf seinen Wissensstand abklopfte…

    Der Punkt an beiden Geschichten ist: Leute mit einer groben Vorstellung, die sich nicht mit dem Thema auskennen, sind überzeugt, deswegen unbefangen zu sein und es besser zu wissen. Sonderlich kundiger oder ergebnisoffener dürften die Autoren des Artikels auch nicht gewesen sein, was in meinen Augen gut zur sonstigen Qualität der Hefte passt. „Forget it, Sophia, it’s Der Spiegel“ ;-)

    • Erst einmal: Vielen Dank!
      Deine Gedanken dazu sind sehr amüsant zu lesen, auch wenn du leider recht hast. Die meisten Leute konzentrieren sich viel zu sehr auf ihre Vorurteile und verwechseln diese dann mit tatsächlichem Wissen – und gerade bei Poyamorie glaubt jeder, mitreden zu können, weil man selbst ja Erfahrungen mit dem Thema Liebe etc. hat (ähnlich wie bei Homöopathie).

      PS: Ich hoffe, die Antworten sind nicht gänzlich zu spät. Der Blog war eine Weile stillgelegt wegen Prüfungsstress.

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