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Warum wir Beziehungsanarchisten sind

Warum wir Beziehungsanarchisten sind

Was heißt es eigentlich, Beziehungsanarchist zu sein? Nicht selten wird Beziehungsanarchie als Form der Polyamorie missverstanden. Und selbst, wenn man die neun Punkte von Andie Nordgren genau kennt, fehlen einem oft Vorbilder im Alltag. Daher haben wir uns entschlossen, diesen Post zu schreiben. Nicht, um uns als vorbildliche Beziehungsanarchisten darzustellen, sondern um Beispiele dafür zu geben, was Beziehungsanarchie alles bedeuten kann. Also, warum sind wir Beziehungsanarchisten?

Armins Gedanken

Zum einen bin ich möglicherweise doch nur ein Polyamorist: Ich will mehrere romantische Beziehungen. Das sind dann auch die, für die ich mir regelmäßig und oft Zeit nehme. Daneben pflege ich einige enge, platonische Freundschaften. Obwohl das nahezu ausschließlich Freundschaften mit Frauen sind, also steckt da wieder meine Heterosexualität dahinter. Von wegen rein platonisch.

Beziehungsanarchist bin ich dann nämlich aus dem Grund, dass ich kein Polyamorist vom Typ „Ich habe so viele Partner, dass ich mit Menschen, die nicht mit mir schlafen wollen, gar nicht mehr rede“ sein will. Niemand sagt das so direkt, aber insgesamt meine ich: „Eigentliche“ Polyamoristen sind genauso amatonormativ wie Monogamisten. An deren Beziehungen ist nichts anarchistisches. Und wenn dann ihr größter Wunsch die Vielehe ist, dann sind sie nur parallel statt seriell in Beziehungen. Oder wenn ihr größtes Bedürfnis der Schutz der Primärbeziehung ist, dann sind sie nur etwas ehrlicher als der Durchschnittsmonogamist und führen eine offene Beziehung.

Mononormativität lehne ich sowieso ab. Amatonormativität aber auch, und genau deswegen bin ich Beziehungsanarchist.

Und warum lehne ich Amatonormativität ab? Weil ich nicht weiß, „was Liebe ist“. Für mich befinden sich Beziehungen natürlicherweise auf einem Spektrum, ohne eine klare Trennlinie „Liebe ja/nein“. Ich habe keinen Schalter „verliebt“. Vielleicht sollte ich mich als aromantisch bezeichnen. Obwohl ich ja den Begriff der Romantik durchaus benutze, und romantische Beziehungen anstrebe. Ich habe da einfach ein Gefühls-Empfinden, in dem „Eifersucht“ und „Liebe“ nicht wirklich ausgeprägt sind. Das erlaubt mir, zu mehreren Menschen gleichzeitig intime Beziehungen zu haben.

Und was ich daran mag… alles darf sein, was es ist. Man kann darüber reden. Man kann etwas genießen, was nach gesellschaftlichen Maßstäben ein Rohrkrepierer ist (z.B. eine Beziehung, von der man weiß, dass sie nie zu Kohabitation und Kindern führt). Man muss nicht immer in eine Richtung, man kann auch zurück (obwohl das viel, viel schwieriger ist), und vor allem kann man das sein, was man ist.

Sophias Ansicht

Tja, warum Beziehungsanarchie? Ich denke, das sind zwei Fragen: Zum einen die Frage, was mir an der Beziehungsanarchie gefällt und zum anderen, inwiefern ich tatsächlich dazu geeignet bin, diese Ideale für mich auch umzusetzen.

Was gefällt mir an der Beziehungsanarchie?

Spontan würde ich sagen, Freiheit und Gleichheit. Ja, mir ist bewusst, das klingt etwas geschwollen, es trifft aber den Punkt. Ich will die Freiheit haben, jede einzelne meiner Beziehungen (im weitesten Sinne) so zu gestalten wie ich – und mein jeweiliges Gegenüber – das möchten. Das beinhaltet auch die Freiheit, Beziehungen umzugestalten und zu verändern, so wie sich die Menschen in den Beziehungen im Lauf der Zeit verändern. Gleichheit bedeutet hier für mich, dass jede meiner Beziehungen grundsätzlich gleichwertig ist – im Sinne von Chancengleichheit, nicht von erzwungener Gleichstellung. Inwieweit ich das Ideal der Gleichheit als heterosexueller Mensch wirklich umsetzen kann, ist eine interessante Frage, die letzlich darauf hinausläuft, wie wichtig sexuelle Anziehung in meinen Beziehungen ist.

Wie schaffe ich es, ein Beziehungsanarchist zu sein?

Das ist nicht einfach und das liegt daran, dass man nicht einfach beschließen kann: Ich bin jetzt Beziehungsanarchist – und alles wird gut.
Beziehungsanarchie ist ein Konzept mit dem man all seine zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten kann und da liegt auch der Knackpunkt: Man braucht Mitspieler. Beziehungsanarchie erfordert viel Kommunikation und diese klappt nach meiner Erfahrung nur, wenn andere ebenso zu offener Kommunikation über Wünsche und Bedürfnisse und Träume bereit sind.

Außerdem ist es relativ wichtig, dass man auch allein klar kommt, das heißt, dass man nicht oder kaum auf Bestätigung von anderen angewiesen ist. Man muss sich selbst genug sein, sonst läuft man Gefahr, zuviel auf andere zu projizieren und genau diese Erwartungshaltung an den Tag zu legen, für die man monogame romantische Beziehungen kritisiert. Das Sich-Selbst-Genug-Sein ist auch deshalb wichtig, weil es im besten Fall dazu führt, dass man – eben weil man schon alles „hat“ – dankbar ist für die Dinge, die man von anderen bekommt. Man empfindet Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit, die Berührungen, die Aufmerksamkeit, die gegenseitige Zuneigung oder was auch immer der andere zu geben bereit ist, anstatt sich daran aufzuhängen, was man theoretisch (noch) alles haben könnte.

Die Kurzform: Kommunikation und Dankbarkeit.
Das sind zwei Dinge, die ich generell für wichtig erachte, unabhängig davon, welchen Beziehungsstil man bevorzugt.

Was bei mir noch hinzukommt – und was mich, wie auch Armin, in dieser Hinsicht möglicherweise privilegiert: Ich mag andere Menschen; manche mehr, manche weniger und manche sogar sehr. Ich unterscheide nicht zwischen romantischer Liebe und platonischer / freundschaftlicher Liebe. Es fühlt sich für mich genau gleich an. Lediglich „geschlechtliche Liebe“ grenze ich ab: Das ist für mich keine Liebe, sondern sexuelle Anziehung.

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4 thoughts on “Warum wir Beziehungsanarchisten sind”

  • „Außerdem ist es relativ wichtig, dass man auch allein klar kommt, das heißt, dass man nicht oder kaum auf Bestätigung von anderen angewiesen ist. Man muss sich selbst genug sein, sonst läuft man Gefahr, zuviel auf andere zu projizieren und genau diese Erwartungshaltung an den Tag zu legen, für die man monogame romantische Beziehungen kritisiert.“
    An der Stelle ist es verflixt schwer, gleichzeitig präzise und lesbar zu sein. Wir sind soziale Wesen, also brauchen wir die Bestätigung anderer. ‚Allein‘ verstehe ich in dem Kontext als ‚ohne eine Beziehung, die viele Eigenschaften hat, die auch in der vorherrschenden Definition einer Paarbeziehung zu finden sind‘.

    • Ja genau, Achim, so habe ich das gemeint.
      Allerdings denke ich schon, dass man versuchen sollte, sich selbst genug zu sein. Bestätigung von außen ist notwendig und wichtig, sollte aber die Bestätigung an sich selbst nicht ersetzen.

  • @Armin: Interessante Zuschreibung: Alle echten Polys sind amatonormativ.

    Nee, ich bin poly und nicht amatonormativ. Meine Freundschaften, mein Männerkreis, meine Familie, meine Spiel&Sexpartner sind genauso wichtig und fundamental wie meine Freundschaften.

    Ich stelle mir vor, dass da Schmerz, Zurückweisung, Neid, bei dir ist in Bezug auf „Ich habe so viele Partner, dass ich mit Menschen, die nicht mit mir schlafen wollen, gar nicht mehr rede“-Polys. Ist dem so?

    • Deswegen unterscheide ich „polyamor“ (mehrere zu lieben willens/imstande) von „Polyamorist“ (strebt mehrere Beziehungen in einem von Freundschaften ebenso klar abgetrennten Sinn an, wie es monogame Menschen trennen – das ist das amatonormativ). Die meisten sind da gemäßigt, und wissen, dass nicht alle ihre Beziehungen den gleichen Status haben können.

      Und ja, als ich mit solchen Einstellungen in Berührung gekommen bin, hatte ich das starke Bedürfnis, mich davon abzugrenzen. Einen persönlichen Nachteil hatte ich davon noch nicht (etwa dadurch, dass jemand die Freundschaft zu mir nachrangig zu seinen Beziehungen behandelt; das hatte ich allerdings bei Monoamoren), und der Neid beschränkt sich darauf, die Möglichkeit (also das Überangebot an „Partnern“) haben zu wollen, nur um sie dann aus Prinzip abzulehnen.

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