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ZEIT Magazin: Wie frei darf die Liebe sein?

ZEIT Magazin: Wie frei darf die Liebe sein?

Heute erschien bei der ZEIT ein Interview mit Ulrich Clement von Wenke Husmann, dass sich, so scheint mir, inhaltlich auf den bereits besprochenen Artikel Polyamorie – die Zukunft des Sex? auf SPIEGEL Online bezieht.
Zumindest deuten die von Wenke Husmann gestellten Fragen dies an, auch wenn auf den Artikel selbst nicht explizit Bezug genommen wird.

Lob

Das Interview ist durchaus lesenswert und enthält einige interessante Passagen. Im Kern geht es um den Unterschied zwischen der freien Liebe der 68er und der Polyamorie. Der Interviewte, Ulrich Clement, ist Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg, Paar-/ Sexualtherapeut und Autor einiger Bücher zum Thema Sex und Liebe.
Zwei Stellen des Interviews möchte ich etwas hervorheben:

Zuerst mein persönliches Highlight:
„Clement: Von Natur aus sind wir gar nichts. Die Natur lässt alle Möglichkeiten offen, die Kultur macht die Einschränkungen. Am Ende ist es eine individuelle Entscheidung.“
Das ist ein wichtiger Punkt, den man nicht oft genug wiederholen kann. Zu oft wird man in Diskussionen um falsch verstandene Evolutionspsychologie und die reflexhafte Frage, was „natürlich“ sei, hineingezogen. Generell ist es schon schön, Bestätigung der eigenen Ansicht zu erfahren, wenn diese dann auch noch derart klar und knackig formuliert ist – da lacht das Herz!

Als Zweites und zum Ende des Interviews, spricht Clement einen Punkt an, den man wohl am ehesten Beziehungskritik nennen könnte:
„Clement: […] Die Vorstellung, ich bekäme von der einen Person alles und das für immer, schafft Klarheit – und ist eine nicht zu toppende Erlösungsfantasie! Weit mächtiger als jede Erfahrung.
ZEITmagazin ONLINE: Und die Polyamoristen sind schlauer?
Clement: Wieso sollten sie das sein? Sie pflegen ihre eigene Utopie. In einer unberechenbaren Welt – und derzeit erscheint sie vielen als besonders unberechenbar – wird es immer wichtiger, eine eigene Nische auszubauen, in der man sich engagieren kann. Für viele bedeutet das einen Rückzug ins Private. Ob monogamer Romantiker oder Polyamorist ist dabei dann egal: Man konzentriert sich ganz auf die Beziehung.“
Stoff zum Nachdenken. Der Rückzug ins Private und die Frage: Ist Polyamorie vielleicht eine Art Gesinnungsfamilie oder narzisstische Identitätskommune beschäftigt mich schon eine Weile. Bisher habe ich noch zu keiner abschließende Antwort gefunden.

Tadel

Etwas auszusetzen an dem Artikel habe ich auch – und zwar an der Einleitung:
„Polyamorie wird trotz der 68er als neue freie Liebe gefeiert. Der Sexologe Ulrich Clement über die Missionarsstellung, ideologische Polyamoristen und normale Fremdgänger.“
Wie bei dem SPIEGEL-Artikel wird erstmal für Stimmung gesorgt. Die Polyamoristen sind Ideologen und die Fremdgänger die Normalen. Alltag halt, Fremdgegangen sind wir alle schon mal, wer kennt das nicht?
Ich weiß, wir leben in Zeiten in denen Gefühle für Quote für Werbung für Geld sorgen und für Clickbait ist sich niemand zu schade, aber Sachlichkeit hat einen Vozug: Sie schafft Freiheit.

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2 thoughts on “ZEIT Magazin: Wie frei darf die Liebe sein?”

  • Naja, wenn man Normalität über Häufigkeit definiert, sind die Fremdgänger normaler als die Polys. „Normal“ ist in meinen Augen genau wie „natürlich“ nur eine Beschreibung, als Wertung ist es nicht geeignet bzw. sagt über den Sprecher mehr aus als über das Thema.
    Normal ist es auch, durch Nahrungsmittelspekulation reicher zu werden, während deswegen anderswo Menschen verhungern. Natürlich wäre es auch, an einer infizierten Schnittwunde zu sterben, weil man keine Antibiotika hat… Es ist piepegal, ob Monogamie, Serienmonogamie, sexuell offene Monogamie oder Polyamorie „natürlich“ ist – die Frage ist, was für die individuellen Menschen am besten fuktioniert.
    Aber ja – da Normalität eine Konnotation des Gesunden hat, ist die Formulierung ärgerlich.

    • Ja in der Tat! Normal ist immer das althergebrachte: „Das haben wir schon immer so gemacht“ und „das funktioniert eben so“. Und damit ist es natürlich und gut und gesund. Fortschritt wird doch überbewertet ;)

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